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opco12: Lernerfolg ist kein Algorithmus

Daten-Analyse

Wenn ich Kleidung einkaufe, bin ich es schon gewohnt, dass mir Altbekanntes als neuer Trend untergejubelt wird – Retro heißt das dann. Dass sich auch die Pädagogik derartig ungehemmt in der Mottenkiste bedient, ist mir allerdings neu. Was früher noch als programmierte Unterweisung gehandelt wurde, ziert heute das schicke Etikett der Learning Analytics. Doch damals wie heute gilt: Lernen ist nicht automatisierbar, Lernerfolg kein Algorithmus.

Alter Wein in neuen Schläuchen
“Wir haben ja heute so viele Daten” ist das Argument mit dem man die Fachwelt für die Learning Analytics begeistern will. Die Aktivitäten der Lernenden in LMS und Social Web hinterlassen so viele Spuren, dass man daraus doch etwas machen können muss. Und was liegt da näher, als ein Soll-Ist-Abgleich von geleisteter Lernzeit, gesichtetem Lernmaterial und erreichter Punktzahlen. Säumige Schüler und Studenten könnten so frühzeitig auf drohendes Prüfungsversagen aufmerksam gemacht werden. Sogar die Vorhersage von Prüfungsergebnissen scheint da greifbar. Aber hatten wir das alles nicht schon einmal? Sollten sich nicht zumindest alle Pädagogen und Psychologen an die von den Amerikanern nach dem Sputnik-Schock initiierte programmierte Unterweisung erinnert fühlen. Auch wenn die Mittel andere waren ging es schon damals darum das Lernen durch mehr oder minder intelligente tutorielle Systeme zu automatisieren. Und damals wie heute ist solch ein Ansatz zum Scheitern verurteilt, weil er verkennt, dass Lernen, auch bei umfassender Datenlage, nur bedingt planbar und schon gar nicht automatisierbar ist. Dafür sind Lernprozesse, ist der Mensch zu komplex.

Die Grenzen des Drills
Zugegeben, für einfache Drill & Practice Übungen, wie das im Live Event vorgestellte Lernen des kleinen 1×1, ist eine Automatisierung durchaus angemessen. Ich habe meine Vokabeln auch noch mit einem Karteikartensystem gelernt, das sich “gemerkt” hat, welche Wörter ich schon sicher übersetzen konnte und welche nicht. Doch die Arbeitswelt verlangt heute mehr denn je nach individuellen Problemlösungen. Innovationsfähigkeit und Kreativität sind unlängst zum Wettbewerbsfaktor geworden – Kompetenzen also, die sich so gar nicht durch sturen Drill erwerben lassen wollen. Nicht zu vergessen, dass das Lernen insbesondere im Studium auch ein Orientierungsprozess ist. Es geht eben nicht nur darum sich Wissen anzueignen, sondern sich auch zu dem Gelernten zu positionieren, sich für eine berufliche Laufbahn zu entscheiden. Auch in der deutschen Berufsausbildung herrscht ein ganzheitliches Bildungsverständnis vor, das sich nur bedingt auf das Bestehen von Prüfungen reduzieren lässt. Vielmehr erwerben die Lernenden hier umfassende berufliche Handlungskompetenz. Bevor die Learning Analytics nicht zumindest in die Nähe von Kreativität, Orientierung und Handlungskompetenz kommen, könnte ich das Thema eigentlich wieder getrost zurück in die Mottenkiste verbannen.

Daten über die Lernenden, für die Lernenden
Ganz ohne Wert für das Lernen sind die Learning Analytics aber auch heute nicht. Denn in der Tat kann es für die Lernenden interessant sein sich mit einer statistischen Auswertung ihres Lernverhaltens zu beschäftigen. Nämlich dann, wenn sie die mageren automatisch erfassten Daten um manuelle Einträge ergänzen. In Form eines kurzen wöchentlichen Fragebogens könnten weit aussagekräftigere Informationen festgehalten werden: “Wie sicher fühle ich mich in dem Thema?”, “Kann ich einen Bezug zu meinem angestrebten Berufsfeld herstellen?”. Also nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Daten. Der Charme der automatischen Erhebung geht so zwar verloren, doch zumindest lässt sich mit den so gewonnenen Daten auch tatsächlich etwas anfangen. Ganz gleich jedoch welche Daten erfasst werden muss ein Grundsatz gewahrt bleiben: Die Daten über ihren Lernprozess gehören den Lernenden allein! Eine Überwachung jedes einzelnen Lernschrittes mag bei Grundschülern angemessen sein, verstößt bei mündigen Erwachsenen aber gegen jede pädagogische Ethik. Lernen hat auch viel mit dem Erkennen der eigenen Schwächen und mit dem Begehen von Fehlern zu tun. Sensible Erlebnisse also, die vor unbefugtem Zugriff zu schützen sind. Statt dessen sollten den Lernenden bei Bedarf Hilfestellungen angeboten werden ihre Daten auszuwerten und für eine Verbesserung ihres Lernverhaltens zu nutzen. Im Internet schwimmen schon so viele Datenkraken, da sollten die Bildungsinstitutionen und -anbieter nicht auch noch ihre Fangarme ausfahren.

Bild: Henrik5000 (istockphoto); opco12

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