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Social Learning hinter Schloss und Riegel?

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Indem Menschen via Social Media Inhalte teilen, schaffen sie die Grundlage für Social Learning. Doch den wenigsten ist bewusst, dass sie mit dem Teilen geschützter Inhalte gegen des deutsche Urheberrecht verstoßen. Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die Rechteinhaber dem Social Learning den Riegel vorschieben?

Nicht jeder hat Spaß am Teilen
Dass die Frage nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt die aktuelle Klage einer Fotografin gegen einen gewerblichen Facebook-Nutzer. Letzterer hatte in dem sozialen Netzwerk einen Link geteilt, der auch ein Bild der Fotografin enthielt. Da Facebook das Bild automatisch als Vorschau in den Post einbettete, verbreitete der Nutzer damit nach Ansicht der Klägerin ein geschütztes Werk in der Öffentlichkeit. Zwar steht es freilich noch aus, ob das Gericht der Klage auch Recht gibt, doch sahen Juristen die Facebook-Vorschau schon früher als problematisch an. Sie empfehlen daher ganz auf diese zu verzichten, um auf Nummer Sicher zu gehen. Viele mögen argumentieren, dass eine Vorschau mit dem eigentlichen Werk nicht identisch sei und eventuell sehen das auch die Richter so. Doch da das Internet bei der Schaffung unseres heutigen Urheberrechts noch nicht einmal in Sichtweite war, fällt es mitunter schwer hieraus eindeutige Regeln für Social Media abzuleiten. Da entscheidet im Zweifel jedes Gericht anders. Und selbst wenn der Justiztenor Vorschaubilder absegnen würde, gelte dieser Freibrief dann auch für Vorschauvideos, die in voller länge bei Facebook angesehen werden können? Rechtssicherheit sieht anders aus. Doch den meisten Nutzern ist diese Problematik wohl ohnehin fremd. Denn nicht wenige Menschen leben in dem Irrglauben, dass sie alles, was sie im Internet finden, auch frei verwenden können. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Sharing-Funktionen der Social Media Dienste regelrecht zum Urheberrechtsbruch einladen. Dienste wie Storify oder Learnist, die übrigens großartige Werkzeuge für das Social Learning sind, beruhen sogar fast ausschließlich auf dem Prinzip, fremden Inhalt in einem eigenen Format neu aufzubereiten. Überhaupt ist das Teilen solcher Inhalte eine zentrale Komponente des gemeinsamen Lernens im Netz: Ich finde einen Inhalt, teile ihn mit meiner Community und diskutiere darüber. Nun ließe sich spekulieren, dass eventuelle Gerichtsentscheidungen zugunsten der Rechteinhaber bald Schule machen und somit das Social Learning zumindest in Deutschland deutlich erschweren.

Creative Commons bringen keine Heilung
Aus einem anderen Blickwinkel sieht die Zukunft des Social Learning jedoch weit weniger düster aus. Denn nicht jeder Rechteinhaber wehrt sich so vehement gegen die Verbreitung seiner Inhalte wie die oben beschriebene Fotografin. Ganz im Gegenteil: Weil viele um das konstruktive Potential des Teilens wissen, geben sie ihre Inhalte explizit zur Weitergabe frei. Eine Möglichkeit dies zu tun sind die Creative Commons Lizenzen, kurz CC. Die gemeinnützige Organisation Creative Commons bietet jedermann sechs (inkl. CC0 sogar sieben) leicht verständliche Lizenzen, anhand derer Urheber festlegen können, unter welchen Bedingungen ihr Inhalt geteilt werden darf. Diese lassen sich leicht über das Internet beziehen und als Icon in die eigene Website einbinden. An die Stelle des “all rights reserved” tritt ein “some rights reserved”. Um dabei der international unterschiedlichen Rechtslage gerecht zu werden, berücksichtigen die CC-Lizenzen auch die nationalen Besonderheiten, wie zum Beispiel jene des deutschen Urheberrechts. Doch genau hierin sehen Kritiker auch ein Problem. So bemängelt etwa Michael Seemann im Interview mit dRadio Wissen, dass CC-Lizenzen vor diesem Hintergrund keine Alternative zum seiner Meinung nach überflüssigen Urheberrecht bieten, sondern dessen Geltungsanspruch sogar noch zementieren. Weiter kritisiert er, dass CC in ihrem zehnjährigen Bestehen nie im Mainstream angekommen seien, d. h. das viel zu wenige Menschen die Lizenzen kennen und noch weniger sie anwenden. Eine ähnliche Bilanz muss wohl auch den OER, den Open Educational Resources, attestiert werden. Absolute Zahlen mögen hoch klingen, sind jedoch schnell relativiert. Freie Lizenzen können das Problem der Rechtsunsicherheit also bestenfalls mildern, aber keinesfalls lösen.

Vielleicht ändern wir die Default-Einstellung
Für Falk Lüke, Befürworter der CC-Lizenzen und ebenfalls Gast in oben genannter Sendung, liegt ein Teil des Problems im “Default” des Urheberrechts, also der Tatsache, dass jedes Werk automatisch als geschützt gilt, sofern nichts Anderes vermerkt wurde. Theoretisch könnte es sich genau anders herum verhalten: Solange der Rechteinhaber die Nutzung nicht explizit einschränkt, ist sein Inhalt frei nutzbar. Der Vorteil läge darin, dass so die vielen Menschen, für die das Teilen ihrer Inhalte selbstverständlich ist, diese nicht unwissentlich gegen jederlei Nutzung schützen würden. In diesem Kontext ist die Klage einer Malerin interessant, die sich vor dem BGH dagegen wehrte, dass Vorschaubilder ihrer Werke in der Google Bildersuche zu finden Waren. Das Gericht entschied zu Gunsten von Google, da die Klägerin durch das grundsätzliche Veröffentlichen ihrer Werke im Internet die Verwertung durch Suchmaschinen in Kauf genommen habe. Sie hätte dies z. B. mit einem einfach Zusatz im Quellcode ihrer Website (robots.txt) verhindern können. Damit entspricht das Urteil zwar der Logik der umgekehrten Default-Einstellung, jedoch nur im Bezug auf Suchmaschinen. Über die Frage, ob das Urteil auch auf das von natürlichen Personen betriebene Teilen bei Social Media Diensten wie Facebook anwendbar sei, kann zur Zeit nur spekuliert werden. Doch könnten Gesetzgeber und Justiz wirklich von den Rechteinhabern verlangen, dass sie sich mit den technischen Hintergründen sämtlicher Internetdienste beschäftigen, um ihr Werk zu schützen? Wohl kaum – es sei denn, es gebe einen einheitlichen Standardschutz. Somit brächte auch eine Umkehr der Default-Einstellung der Urheberrechtes keine zufrieden stellende Lösung für das Teilen im Social Web.

Lernende brauchen Rechtssicherheit
Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass sich die Nutzer beim Social Learning oft in einer rechtlichen Grauzone bewegen. So ist auch noch nicht abschließend geklärt, ob das Vorhandensein eines Social Plug-ins als belastbare Einwilligung des Rechteinhabers zum Teilen seines Inhaltes verstanden werden kann – und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Eine Klagewelle gegen Privatpersonen scheint dennoch nicht in Sicht. Denn schließlich geht das Teilen weit über Landes- und damit Rechtsgrenzen hinaus, bleiben die meisten Rechtsverletzungen in den Weiten des Internets unbemerkt und sind sich viele Rechteinhaber ihrer Rechte gar nicht bewusst oder haben kein Interesse daran diese durchzusetzen. Also alles halb so wild? Nein, denn nicht nur können auch einzelne Abmahnungen eine Signalwirkung haben, sondern hemmt die Rechtsunsicherheit auch das Social Learning im Unternehmen. Wer seine (internen) Social Media dazu nutzen will, Wissen von außerhalb ins Unternehmen zu holen, braucht dafür ebenso praktikable wie gesicherte Rahmenbedingungen. Aufklärung und Medienkompetenz helfen Fehler zu vermeiden, ändern aber nichts daran, dass das Teilen oft schlicht nicht erlaubt ist. Wünschenswert wäre eine differenzierte Rechtsgrundlage, die verlinkte Vorschaubilder nicht mit unerlaubten Kopien gleichsetzt und zwischen dem Teilen zur bloßen Unterhaltung und dem Teilen zur Verbreitung von Wissen unterscheidet.

Bilder: petekarici (istockphoto).

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