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Wenn Beruf und Privatleben verschmelzen

Selbstrationalisierung

Eine klare Trennung in Berufliches und Privates galt lange Zeit als Patentrezept für ein ausgeglichenes Erwerbsleben. Doch in Zeiten, in denen beide Sphären immer mehr miteinander verwachsen, scheint eine solche Abgrenzung kaum mehr möglich. Wie also gelingt es dem Arbeitskraftunternehmer, sich unter diesen Umständen selbst zu rationalisieren?

Das hätte es früher nicht gegeben
Eine klare Trennung von Berufs- und Privatleben, wie es sie lange Zeit gegeben haben mag, ist bereits aus Lebensrealität vieler Menschen verschwunden. Mag es für die Baby-Boomer noch eine scharfe Abgrenzung der beiden Sphären gegeben haben, hat sich diese für die nachfolgenden Generationen immer weiter verwischt. Das erkennen auch Voß und Pongratz, wenn sie erklären, dass der Arbeitskraftunternehmer neben der Selbstökonomisierung und der Selbstkontrolle auch die Fähigkeit zur Selbstrationalisierung benötigt: „Schließlich wird eine aktiv zweckgerichtete, alle individuellen Ressourcen gezielt nutzende systematische Durchgestaltung des gesamten Lebenszusammenhangs erforderlich, welcher in neuer Qualität systematisch auf den Erwerb ausgerichtet wird.“ Die beiden Soziologen sprechen hier auch von der “Verbetrieblichung der Lebensführung”. Was bei den einen die Alarmglocken schellen lässt, weckt bei den anderen die Hoffnung auf eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Wer auch am Wochenende noch E-Mails schreiben kann, schafft es unter der Woche pünktlich zum Sport oder zur Schulaufführung der Kinder. Gleichzeitig ist bekannt, dass unterbrechungsfreie Erholungsphasen für die eigene Gesundheit unerlässlich sind. In jedem Fall aber ist klar, dass neue Technologien und moderne Arbeitszeitmodelle der Selbstrationalisierung Vorschub leisten. Für viele stellt sich also nicht mehr die Frage ob, sondern wie sie die Selbstrationalisierung bewältigen wollen.

Always on = always working?
Gerade im Enterprise 2.o verwachsen Berufs- und Privatleben besonders stark miteinander. Deutlich wird dies bereits daran, dass viele Menschen für die berufliche und die private Kommunikation die gleichen Tools nutzen und ihre Kontakte – wenn überhaupt – nur noch über Listen der einen oder der anderen Welt zuweisen. Hinzu kommt, dass wer sich mit seinen Geschäftskontakten auch bei Facebook vernetzt, seiner Arbeit eine weitere Tür in sein Privatleben öffnet. Überhaupt ist die Tatsache, dass berufliche und private Online-Profile nur einen Mausklick voneinander entfernt sind, Ausdruck einer stärkeren Verschmelzung beider Identitäten. Neben Tools werden aber auch andere private Ressourcen wie Zeit, Technik und Kontakte für die Arbeit aktiviert, etwa wenn jemand am Samstagmittag von seinem heimischen Computer aus einen Bekannten um dessen Expertise zu einem Kundenprojekt bittet. Gefördert durch mobile Endgeräte und den Trend zu “always on” ist das Berufliche in immer mehr Lebensbereichen präsent. Wir lesen Mails auf dem Sportplatz, skypen dem Kollegen beim Warten an der Supermarktkasse und überfliegen im Restaurant den Activity Stream unseres geschäftlichen Social Networks. Wer in flachen Hierarchien agil zusammenarbeiten will, kann schließlich kein 9-to-5-Modell leben, oder? Noch diffuser wird die Verflechtung für all jene, die ihr privates Interesse zum Beruf gemacht haben. Ist der Fachartikel, den sie am Wochenende lesen, nun Arbeitszeit oder Freizeit?

Arbeit oder Freizeit? Wenn die Linien verschwimmen ist Selbstrationalisierung gefragt

Arbeit oder Freizeit? Wenn die Linien verschwimmen ist Selbstrationalisierung gefragt (Bild: IPGGutenbergUKLtd, istockphoto).

Die in diesem Kontext oft geäußerten gesundheitlichen Probleme sind sicher nicht von der Hand zu weisen. Deswegen muss sich der Arbeitskraftunternehmer seine Kompetenzen zur Selbstrationalisierung ganz bewusst erarbeiten. Dabei sind vor allem drei Fähigkeiten unerlässlich:

  • Von der Push-Mitteilung bis zur Synchronisierung der Social Media Accounts auf verschiedenen Devices, muss der Arbeitskraftunternehmer in der Lage sein, seine Geräte und Tools so zu bedienen, dass er seine Kommunikations- und Arbeitskanäle bewusst öffnen und schließen kann.
  • Berufliche und private Ressourcen muss er in der gleichen “Liste” führen, um sie je nach Bedarf und Priorität flexibel hin und her schieben zu können.
  • Durch kontinuierliche Selbstreflexion erkennt der Arbeitskraftunternehmer, wenn die eine Sphäre zu sehr unter der anderen leidet und weiß, wie er wieder einen Ausgleich schaffen kann.

Selbstschutz oder Fremdschutz – ist das die Frage?

Vor allen drei Kompetenzen des Arbeitskraftunternehmers steht das “Selbst”. Daher stellt sich auch bei der Selbstrationalisierung die Frage, inwiefern das Unternehmen überhaupt Unterstützung leisten kann. Die wohl handfesteste Lösung wäre eine technische Abgrenzung von Beruf und Privatem, wie sie etwa Volkswagen vornimmt. Der Betriebsrat des niedersächsischen Autobauers hat bereits 2011  durchgesetzt, dass der Server für die mobile E-Mail-Nutzung jenseits der Kernarbeitszeiten abgestellt wird. Auch über die Weihnachtsfeiertage gibt es einen solchen Shut-Down. Führungskräfte sind von dieser Regelung allerdings ausgenommen. Grundsätzlich ließen sich solche Regeln auch auf andere Tools ausweiten, wobei dies bei öffentlichen Werkzeugen wie Skype oder Twitter kaum möglich sein dürfte. Auch ändert diese Regel nichts daran, dass Mitarbeiter übers Wochenende ihren Laptop mit nach Hause nehmen. Allein diese Einschränkungen zeigt bereits, dass technische Limitationen bestenfalls Leitplanken setzen, dem Arbeitskraftunternehmer aber nicht von seiner Eigenverantwortung  befreien können. Hinzu kommt, dass es durchaus entspannter sein kann, am Samstagnachmittag noch eine Aufgabe zu erledigen, als am Freitagabend den Sport zu canceln, um noch in der regulären Arbeitszeit alles fertigzustellen.

Damit die Selbstrationalisierung nicht zum Stressfaktor wird, muss der Arbeitgeber Unterstützung leisten.

Damit die Selbstrationalisierung nicht zum Stressfaktor wird, muss der Arbeitgeber Unterstützung leisten (Bild: alvarez, istockphoto).

Besser als Zwangsmaßnahmen greifen also Unterstützungsangebote auf Augenhöhe. Sei es das geregelte Gespräch mit der Führungskraft oder eine Veranstaltungsreihe im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements – Ziel muss es sein, dem Arbeitskraftunternehmer die Methoden an die Hand zu geben, um seine Selbstrationalisierung für ihn passend zu gestalten. Natürlich spielen hier auch Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung mit hinein, wie etwa Arbeitszeitmodelle und Home -Office-Regelungen. Auch die Unternehmenskultur hat entscheidenden Einfluss darauf, wie wohl sich Mitarbeiter damit fühlen, wenn sie ihren Prioritätenregler einmal mehr in Richtung Privatleben schieben.

Fazit: Selbstrationalisierung, Selbstökonomisierung und Selbstkontrolle sind ebenso komplex wie unabdingbar. Denn nur mit diesen drei Kompetenzen kann der Arbeitskraftunternehmer, d. h. ein wachsender Teil der Belegschaften, den sich wandelnden Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden. Dies gilt umso mehr in all jenen Unternehmen, die sich auf ihrem Weg zum Enterprise 2.0 für flexible Formen der Zusammenarbeit und Kommunikation entscheiden. Dabei stehen sich bei allen drei Kompetenzen die Chance auf selbstbestimmtes Arbeiten und das Risiko auf heillose Überforderung gegenüber. Je nach Lebensphase und Arbeitsverständnis werden die Menschen eher zum einen oder zum anderen tendieren. Doch für jeden gilt: Die Anforderungen der Arbeit an den Einzelnen wachsen. Unternehmen tun also gut daran, ihren Mitarbeitern hier die Hand zu reichen. Es braucht Lern- und Beratungsangebote für verschiedene Bedarfe. Klassische Themen wie Zeitmanagement müssen ebenso abgedeckt werden wie neue Phänomene à la Co-Creation. Erst der Schulterschluss von Eigenverantwortung und Fremdförderung macht  den Unterschied aus zwischen dem gescheiterten Alleinunterhalter und dem erfolgreichen Unternehmer der eigenen Arbeitskraft.

Weitere Artikel zum Arbeitskraftunternehmer:
Teil 1: Die eigene Marke im Enterprise 2.0
Teil 2: Alles unter Kontrolle?

Quelle Titelbild: SergeRandel, (istockphoto).

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